Olaf Scholz und die Mär vom beliebtesten Politiker der SPD

Am vergangenen Montag überraschte der SPD-Vorstand mit der Nominierung Olaf Scholz‘ für die Kanzlerkandidatur der SPD. Sowohl der Zeitpunkt der Nominierung als auch die Personalie sorgt für einige parteiinterne wie auch -übergreifende Diskussionen. Das wohl am häufigsten angeführte Argument der Befürworter der Nominierung von Scholz sind die hohen Beliebtheitswerte des Finanzministers in der Bevölkerung.

Das Argument folgt dabei meist implizit in der Annahme, Scholz sei unter allen Politikern der SPD der beliebteste Kandidat. Datengrundlage für diesen Schluss sind Umfrage-Items wie das Folgende (siehe Screenshot Politbarometer). Die Schlussfolgerung, Scholz sei der beliebteste Poltiker der SPD, gilt in der Tat unter der Annahme, dass die erfragten Politiker bereits die beliebtesten Akteure der SPD enthalten.

Screenshot des Politbarometers/Forschungsgruppe Wahlen mit der TOP 5 der zehn wichtigsten Poltiker
Bewertung der zehn wichtigsten Politiker (Quelle: Politbarometer für das ZDF)

Wahrscheinlich ist dieses Szenario jedoch kaum. Dem aufmerksamen Beobachter müsste vielmehr auffallen, dass die als „zehn wichtigste Politiker“ definierten überhaupt nur zwei Akteure der SPD enthalten: Olaf Scholz und Hubertus Heil. Umfragen wie das Politbarometer unterliegen zeitlichen wie monetären Restriktionen, sodass die zur Bewertung vorgelegten Politiker natürlich in ihrer Anzahl begrenzt werden müssen. Dieses Dilemma löst man, indem man den Befragten eine Vorauswahl von Politikern vorlegt. Der zugehörige Fragetext ist im nächsten Screenshot ersichtlich.

Poltiker-Beliebtheit, zugehöriger Fragetext laut Politbarometer/Forschungsgruppe Wahlen
Fragetext Beliebtheit von Politikern. Quelle: Forschungsgruppe Wahlen

Im entsprechenden Wikipedia-Artikel ist zu lesen, dass die Liste der wichtigsten Politiker regelmäßig etwa sechs mal im Jahr gemäß der Befragtenangaben aktualisiert wird. Bei der Forschungsgruppe Wahlen heißt es: „Die Liste der zehn wichtigsten Politiker und Politikerinnen wurde von den Befragten zuletzt neu bestimmt, wieder dabei ist Annegret Kramp-Karrenbauer, nicht mehr dazu zählt Christian Lindner“ (Forschungsgruppe Wahlen).

Die Liste der zehn wichtigsten Politiker wird demnach in mehreren Schritten erstellt. Beim ersten Schritt wird nach den wichtigsten Politikern gefragt. Die mit den meisten Nennungen werden in der anschließenden Befragung zur „Sympathie-Bewertung“ vorgelegt. Dies mag zwar das sinnvollste Verfahren für die Erstellung einer Beliebtheits-Rankings sein, eignet sich jedoch kaum für Aussagen im Tenor „beliebtester Politiker der Partei XY“. Einmal auf der Liste erschienene Politiker profitieren von einem sich selbst verstärkenden Ranking-Mechanismus, der eine Aufnahme von Newcomern und deren Bewertung erschwert.

Um überhaupt auf der Liste der zu bewertenden Politiker zu erscheinen, muss der Politiker also zunächst über eine gewisse Salienz in der Medienlandschaft verfügen. Ein „Underdog“ also, der beispielsweise bislang ohne bedeutsames politisches Amt keinen hinreichenden Nachrichtenwert für eine regelmäßige Berichterstattung hatte, wird den Befragten beim Politbarometer nicht zur Bewertung vorgelegt werden. Aussagen auf Grundlage des Politbarometers könnten demnach auch wie folgt lauten: „Unter den derzeit subjektiv bedeutsamsten Amtsträgern der SPD ist Olaf Scholz der Beliebteste“.

Die Nominierung Olaf Scholz‘ auf Grundlage seiner Beliebtheitswerte ist daher vor allem die Vermeidung jedes Risikos aus Sicht der SPD (und ein Angebot an ehemalige Merkel-Sympathisanten). Schließlich kann derzeit niemand beurteilen, wie die Beliebtheitswerte möglicher alternativer Kandidaten ausfielen. Die Aussage „Olaf Scholz ist der beliebteste Poltiker der SPD“ ist also eigentlich nur dann zulässig, wenn die Beliebtheitswerte möglicher Alternativen überhaupt bekannt sind.

Im Zuge der Diskussionen um den SPD-Vorsitz waren beispielsweise unter anderem Kevin Kühnert, Franziska Giffey, Malu Dreyer oder Lars Klingbeil im Gespräch. Deren mögliche Politbarometer-Beliebtheitswerte werden wir wohl vorerst nicht erfahren. Ein partizipativer Nominierungsprozess unter Beteiligung der Basis oder größerer Bevölkerungsteile wäre in der Lage gewesen, beliebte alternative Kandidaten herauszukristallisieren.

2 Replies to “Olaf Scholz und die Mär vom beliebtesten Politiker der SPD”

  1. Olaf Scholz wirkt ja wirklich meist sehr sympathisch und integer. Aber man sollte bei einer solchen Benennung nicht nur nach der Beliebtheit schielen. Otto Waalkes wäre als Politiker mit Sicherheit auch beliebt, aber vielleicht doch nicht so geeignet.
    Außerdem galt auch einmal Martin Schulz als sehr beliebt. Und als Kanzlerkandidat hat man ihn dann abstürzen lassen.
    Dennoch ist die Benennung vom Olaf keine allzu schlechte Entscheidung.
    VG
    Sabiene

    1. Danke für deinen Kommentar, Sabiene! Du hast da sicherlich einen Punkt. Ich wollte mit dem Artikel weniger die Eignung bestimmter Kandidaten bewerten, sondern auf den häufig vorgebrachten Aspekt der Beliebtheit von Scholz eingehen und wie verbreitete Annahmen darüber zustande kommen. Dieser Punkt scheint mir öffentlich kaum diskutiert. Aus strategischer Sicht bzw. unter Berücksichtigung weiterer Punkte kann man die Sache auf jeden Fall anders bewerten.

      LG
      Sebastian

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