Sinn und Unsinn des 15-km-Bewegungsradius („Corona-Leine“) anhand von Umfragedaten

Seit vergangenem Montag greifen neue Maßnahmen der Bundes- und Landesregierungen zur Bekämpfung des Corona-Virus. Eine der Maßnahmen, die gespaltene Reaktionen nach sich zieht, besteht mit der Einschränkung des Bewegungsradius. Der Beschluss sieht vor, dass sich Personen aus Landkreisen ab einer 7-Tage-Inzidenz von 200 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern nicht weiter als 15 km vom Wohnort entfernen dürfen. Boulevardmedien bezeichnen die Regelung daher auch als „Corona-Leine“. Ausnahmen sind möglich, sofern ein „triftiger Grund“ vorliegt. Dabei kann es sich beispielsweise um berufliche Fahrten, Arztbesuche oder einen Behördengang handeln.

Die Radius-Regel soll die Mobilität der Menschen als eine von vielen Maßnahmen einschränken und so dazu beitragen, die 7-Tage-Inzidenz wieder auf einen Wert unter 50 Neuinfektionen pro 100.000 zu senken. Mit Bekanntwerden der Maßnahme ist eine Diskussion über ihre Wirksamkeit entbrannt. Verschiedene Experten melden bereits Zweifel an und schlussfolgern, dass die Einschränkung nur geringe Effekte auf die Zahl der Neuinfektionen nach sich zieht.

Abschätzung der Wirksamkeit anhand der BMVI-Mobilitätsstudie

Für eine eigene Bewertung der Wirksamkeit bietet sich an, das Mobilitätsverhalten der Deutschen unter normalen Bedingungen heranzuziehen. Eine auf Umfragedaten basierende Datengrundlage hierfür bietet die Studie „Mobilität in Deutschland – MiD“, die regelmäßig durch das Verkehrsministerium beauftragt wird. Der aktuellste Bericht dazu stammt aus dem Jahr 2017. Hierfür wurden über einen Zeitraum von einem Jahr Angaben von etwa 316.000 Personen aus 156.000 Haushalten telefonisch, postalisch sowie online erhoben. Die Durchführung erfolgte durch das Institut infas.

Nach der Lektüre des zugehörigen Methodenberichts muss man zum Schluss kommen, dass die Umfrage hohen Qualitätsstandards entspricht: So wurden Pretests durchgeführt, die Zufallsstichprobe stammt aus einem geeigneten Auswahlrahmen, es kommt ein ein Dual-Frame-Ansatz unter Verwendung von Festnetz- und Mobilfunknummern zum Einsatz und eine Non-Response-Studie wurde eingesetzt, um eventuelle systematische Abweichungen der Teilnahmeverweigerer zu identifizieren.

Analyse der Wegelängen

Auf den ersten Blick kann man zur Schlussfolgerung kommen, dass die Maßnahme gerechtfertigt ist: Im Schnitt werden pro Person und Tag 39 km zurückgelegt. Bei der Wegelänge zeigt sich jedoch bereits, dass die durchschnittliche Strecke von 12 km noch unter dem 15-km-Radius liegt. Bemerkenswert ist zudem, dass bei der Erhebung die konkrete Entfernung vom Zielort erfasst wird, während die 15-km-Regel erst ab der Gemeindegrenze gilt. Defacto bewegt sich die Bevölkerung also im Mittel noch weit weniger als es der Radius zulässt.

Ein häufiges Argument betrifft die abweichenden Bedingungen zwischen Stadt und Land. So wird angeführt, dass Menschen auf dem Land deutlich stärker unter der Regelung leiden, da sie im Alltag höhere Distanzen zurücklegen müssten. Tatsächlich liegt die mittlere Wegelänge in ländlichen Regionen etwa 3 km höher als in Stadtregionen. Tiefergehende Schlüsse sich jedoch erst dann möglich, wenn man die Wegelängen nach Anlässen und Raumtyp betrachtet:

Tagesstrecke nach Wegetyp und Raumtyp laut MiD-Bericht
Tagesstrecke nach Wegezweck und Raumtyp laut MiD-Bericht. Quelle: BMVI

Die differenzierte Aufschlüsselung der Graphik macht deutlich, sodass im Mittel keine Wegelänge über 15 km reicht. Vielmehr teilen sich die mittleren 39 km in verschiedene Wegezwecke ein. Es liegt nahe, dass jeder der Wege vom selben Startpunkt aus in Form der Wohnadresse erfolgt. Demnach lässt sich bereits hieraus schließen, dass eine durchschnittlich mobile Person keine Einschränkungen aufgrund der Maßnahme in Kauf nehmen muss. Mit anderen Worten entfaltet die Maßnahme für eine solche Person keine Wirkung. Genauere Schlüsse sind nicht möglich, weil keine Angaben zur Streuung um die mittlere Wegelänge vorhanden sind. Entsprechend können keine Aussagen darüber getroffen werden, wie weit nach unten oder oben die Angaben einzelner Befragter vom Mittelwert abweichen.

Lange Arbeitswege bleiben von der Maßnahme unberührt

Der Wegezweck der „Freizeit“, an den normalerweise die längsten Strecken geknüpft sind, ist bereits größtenteils durch vorangegangene Maßnahmen entfallen. So sollten u. a. wegfallende Kino- und Restaurantbesuche für eine deutliche Reduktion der mittleren Wegelänge führen. Weitere lange Strecken liegen mit den Wegezwecken „Arbeit“ und „dienstlich“ vor, die für durchschnittlich 7 bzw. 8 km lange Distanzen verantwortlich sind. Hier kommt zudem der anfänglich erwähnte „triftige Grund“ zum Tragen, der Ausnahmen von der Maßnahme u. a. für dienstliche Zwecke erlaubt.

Schließlich zeigen die Daten auch, dass der Stadt-Land-Vergleich keine größeren Abweichungen der mittleren Wegelängen für die einzelnen Wegezwecke zeigt. Die Regelung entfaltet also in städtischen Regionen entgegen der verbreiteten Auffassung eine ähnliche Wirkung wie in ländlichen Regionen.

Zu ähnlichen Schlüssen kommen im Übrigen Forscher der Universitäten Oxford und Edinburgh nach der Analyse von Daten aus 41 bzw. 131 Ländern: Die Einschränkung des Bewegungsradius habe nur geringe Auswirkungen auf die Entwicklung des Infektionsgeschehens, wenn anderweitige Maßnahmen zur Eindämmung bereits ergriffen wurden.

Sollte es für einzelne Personen überhaupt zu einer realen Einschränkung des Radius kommen, so trifft diese am wahrscheinlichsten den Privatbereich der Menschen. Erneut wird also vor allem der persönliche Lebensbereich der Bevölkerung reglementiert und eingeschränkt, während gleichzeitig lediglich Apelle an Unternehmen gerichtet werden, ihren Angestellten nach Möglichkeit Home-Office-Regelungen zu ermöglichen („Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber werden dringend gebeten …“). Die Befragungsdaten zeigen, dass eine zusätzliche Wirksamkeit zur Bekämpfung der Pandemie vor allem durch Mobilitätseinschränkungen im beruflichen Lebensbereich zu erreichen ist. Eine flächendeckende Schnellteststrategie, die verbreitete Nutzung von FFP2-Masken und eine signifikante Weiterentwicklung der Corona-Warn-App sind auch fast ein Jahr nach Beginn der Pandemie nicht vorhanden.

One Reply to “Sinn und Unsinn des 15-km-Bewegungsradius („Corona-Leine“) anhand von Umfragedaten”

  1. Gute fundierte Analyse; aber wie lange hält die Wirtschaft das durch? Nicht alle Arbeitnehmer können ins Home Office, es gibt Situationen, individuelle Bedürfnisse einzelner Unternehmen, die ein vollständiges Home Office nicht zulassen, will man nicht, dass der mittelständische Betrieb vollkommen den Bach runter geht.

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